Gefangen, gedemütigt, geliebt

Ich wache auf. Gefesselt und auf einem harten Steinboden liegend. Er ist kalt und unbequem. Die Hände auf den Rücken gebunden, die Beine zusammen. Zusammengekrümmt.

Kein Licht wird in den Raum gelassen. Alles schwarz. Ich weiß nicht, wo ich bin, oder wie ich hierher gekommen bin. Mein Kopf schmerzt. Was war nur los? Ich liege da und grüble. Wer hat mich hierher gebracht und warum? Habe ich denn irgendwas getan?

Stunden vergehen und nichts passiert. Oder vielleicht waren es auch nur Minuten. Ich habe keine Ahnung. Aber jeder Augenblick scheint endlos lang, unvergänglich. Unnatürlich in die Länge gezogen. Nur um mich weiter zu quälen. Ich will die Augen schließen, doch ich höre Schritte.

Schritte, die lauter werden, sich nähernde Schritte. Frauenschritte. Eindeutig Absatzschuhe. Eine Frau kann mir das antun? Wer? Und warum? Ich habe nicht lange Zeit darüber nachzudenken, denn schon Augenblicke später öffnet sich eine Tür und ein schmaler, schwacher Lichtspalt fällt in den Raum. Ich kann kahle Wände erkennen, sobald ich einige Male geblinzelt habe. Draußen wird es schon dunkel. Früher Abend oder beginnender Morgen? Keine Ahnung. Beides möglich. Ich weiß nicht, wie lang ich schon hier bin. Die Türe wird sorgfältig verschlossen, dann eine einzelne Glühbirne angeknipst.

Sie hängt einsam an der kahlen Decke und schafft es nicht den Raum komplett auszuleuchten. Dennoch ist es genug Licht, um die Frau zu erkennen. „Du?“, frage ich ungläubig.

Es kommt nicht richtig als Frage hervor, eher als Laut. Zu lange hat meine Kehle kein Wasser mehr gesehen, jeder Buchstabe brennt sich fest. Meine Augen wollen mich wohl in die Irre führen. Das kann nicht sein. Ich muss es mir einbilden. Das würde sie doch nicht tun?! Sie riskiert viel.

„Ja ich. Weißt du, du sollst einfach nicht davon kommen. Seit Jahren belastest du nun schon meine Beziehung. Du wirst dich endgültig aus allem raushalten, wenn ich mit dir fertig bin.“ „Aber, was mache ich denn?“, frage ich. Eigentlich ist mir aber schon bewusst, was sie meint. Doch, dass sie so weit geht, hätte ich niemals gedacht. „Wenn du dich nicht von ihm fernhalten willst, dann muss ich dich eben dazu zwingen.“

Ihr letztes Wort ist noch nicht ganz bei mir angekommen, als sie auch schon wieder verschwindet und ich wieder alleine bin. Das Licht hat sie ausgemacht. Ich bleibe geschockt zurück. Unfähig zu realisieren, was ich gerade mit eigenen Augen gesehen habe.

Ihre Worte hallen immer noch nach, auch, als ich kurzzeitig eingeschlafen war. Ich bin schuld an dieser Situation, sie musste einfach handeln.

Die Tür geht erneut auf. Wie lange her es ist, dass sie zuletzt da war, weiß ich nicht. Denn Zeit vergeht hier eh nicht richtig. „Na, hungrig?“, fragt sie. In ihrer Stimme schwingt Belustigung mit. Ich schüttele den Kopf. Eine glatte Lüge. Doch ihr ist es egal. M. schließt die Tür und kommt zu mir.

Ich spüre Hände. Hände, die mich in eine sitzende Position zerren. An Armen und Beinen, an meinen Haaren. Sie beginnt damit, mir irgendeine Brühe einzuflößen. Sie schmeckt widerlich. Ich verziehe das Gesicht. „Schmeckts nicht?“, fragt sie und lacht dann. Ich möchte mich wehren. Keinen Bissen mehr. Doch sie ist stärker als ich.

M. verbindet mir die Augen. Sie sagt, es wäre okay für mich, jetzt mal auf die Toilette zu gehen. An den Armen und den Haaren zerrt sie mich umher. Linksrum, rechtsrum, geradeaus. Mir wird schwindlig. Ich hasse es nichts sehen zu können. Ihre Stimme schwingt schon wieder vor Belustigung. Sie flötet und findet sich sehr witzig. Sie nimmt mir den Schal von den Augen, sodass ich auf die Toilette gehen kann.

Dann werden sie wieder verbunden und das Rumgezerre und durch die Gegend Geschubse geht von vorne los.

Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier gelegen habe. Wie lange ich noch hier liegen muss. Aber ich wünsche mir nur eines: Ich möchte sterben! Soll sie doch gewinnen.

Wieder geht die Türe auf. Ich hebe schon nicht mehr den Kopf. Egal, was sie dieses Mal vorhat, ich will es nicht wissen. Ich will sie nicht sehen. Soll sie doch tun, was sie will. „Ich habe eine ganz besondere Überraschung für dich. Etwas, was du schon immer wolltest.. und wenn nicht? Auch egal, du bekommst es so oder so.“

„Darf ich sterben?“, hauche ich. Ich habe Durst und Hunger und möchte Schlafen. „Nein. Nicht heute.“

Die Türe schließt sich und ich bleibe allein. Fühle die Tränen, die Verzweiflung. Warum bin ich nur jemals mit meiner Freundin mitgegangen. Als sie fragte, ob ich Lust auf ein Konzert hatte, hätte ich da nicht einfach ‚Nein’ sagen können? Das habe ich jetzt davon. Wie lange ich das hier wohl noch aushalte?

Wie lange wird sie dieses Spiel noch spielen wollen. Vermisst mich denn keiner?

Ich erwache. Irgendetwas ist anders. Hier ist noch jemand. Es sind mehr als ein Fußpaar. Ich möchte schreien. Ich kann nicht. Jemand hat mir ein Tuch in den Mund gestopft. Ich bekomme kaum Luft, versuche es loszuwerden, schaffe es nicht. Was ist los?

Ich kann den Lichtschalter hören. Aber ich sehe kein Licht. Augenbinde? Was hat sie vor? Ich bekomme Panik.

Wird sie mich jetzt umbringen? Oder die andere Person? Ist es dann endlich vorbei?

Die Schritte kommen näher, die neuen klingen anders. Ein Mann? Oder zumindest eine Frau mit flachen Schuhen. Sie sagt nichts. Die andere Person sagt nichts. Die Schritte bleiben stehen. Sie bewegt sich noch weiter. Kommt näher.

Dann sagt sie: „Worauf wartest du, ich bin schon ganz heiß.“ Gedanken kreisen in meinem Kopf. Was soll das? Was hat sie vor?

Ich spüre Hände. An meinem Rücken. Hände, die mich hochreißen, mich zum hinknien zwingen. Ich versuche zu lauschen, was vor sich geht. Nichts. Keine Schritte. Nur zwei Personen die atmen und ich.

Hände ziehen an meinem Tanktop. Es wird nach oben geschoben. Ich bekomme Panik. Das kann nicht ihr ernst sein…

Sie zwingt mich dazu, mich vornüber zu beugen. „Na los, komm schon, wir haben Zuschauer… auch, wenn du sie nicht sehen kannst, sie sind da.“ Zuschauer? Wen? Sie stellt mir ihren Fuß mit dem Stöckelschuh auf den Rücken. Ich zucke zusammen. Hände ziehen meinen Rock nach oben, meinen Slip nach unten.

Nein! Ich fange an mich zu bewegen, ich will sie abschütteln. Ich schaffe es nicht. Alles, was ich erreiche ist, dass sie den Druck auf meinen Rücken verstärkt. Ich möchte schreien, doch ich kann nicht. Das Tuch ist zu fest. Hände an meinen Brüsten. Sie kneten sie, umfassen sie, spielen mit meinen Nippeln. Ich schlucke.

Hände sind überall. An meinem ganzen Körper. An meinen Hintern.

Ich werde mit dem Gesicht zu Boden gedrückt, der Druck auf meinem Rücken lässt nach. Ich denke noch, hoffe noch, dass ich es hinter mir habe, doch dann rammt mir der Mann seinen Penis in die Vagina. Einmal, zweimal, dreimal. Härter und noch härter. Und noch mal. Sein Atem wird heftiger.

Ich spüre wie meine Augen sich mit Tränen füllen. Ich möchte sterben! Bitte, ich will sterben!

Schritte entfernen sich. Beide Paare. Ich bleibe liegen, unfähig mich zu rühren. Immer noch ersticke ich fast unter der Tränenflut, immer noch trage ich den Schal und immer noch liege ich. So wie ich dalag, als er von mir abgelassen hat.

Die Tür wird zugezogen und ich weine einfach weiter vor mich hin.

Überwältigt von der Schmach. Warum hat sie das getan? Sie muss noch kränker sein, als ich dachte. Bitte, jetzt kann ich doch sterben!

Ich wache auf.

Der Schal ist weg, ich liege anders da, bin wieder angezogen. Sie muss zwischenzeitlich noch mal hier gewesen sein. Aber ich lebe immer noch.

Wie als hätte sie auf ihr Zeichen gewartet, geht die Tür auf. M. kommt herein, breites dreckiges Grinsen auf dem Gesicht. „Na? Wieder wach.“, fragt sie und kommt auf mich zu. Sie hat Essen mitgebracht. Wieder diese widerliche Brühe. „Jetzt darfst du erstmal essen…“ „Ich will nichts davon.“, sage ich, selbst wenn mein Magen knurrt. Es ist mir egal.

Sie will mich zwingen. Ich beiße ihr in die Hand.

Ein Schlag ins Gesicht. Noch einer. Und noch einer. Dann liege ich wieder am Boden. Ein Tritt in den Magen. Dann geht sie.

Am Abend oder auch am nächsten Morgen. Oder überhaupt irgendwann ist der Mann wieder da.

Wieder habe ich die Augen verbunden, wieder bin ich gefesselt und wieder schläft er mit mir. Wieder fange ich an zu weinen, wieder lacht sie tierisch darüber.

Es kommt mir vor, als wäre eine Ewigkeit vergangen. Der Mann war noch zweimal da.

Sie verprügelt mich mittlerweile täglich und will mir meine Bitte, mich einfach Sterben zu lassen nicht erfüllen. Sie lacht nur höhnisch und antwortet: „Noch nicht. Ich bin noch nicht fertig mit dir.“

Ein Schlag ins Gesicht, einen in den Magen. Mir ist schlecht, es tut alles weh. Aber sie lässt nicht von mir ab.

Ich wache auf. Der wie vielte Tag ist heute? Ich habe keine Ahnung. Ist auch egal. Ich werde hier sterben. Es sucht ja niemand nach mir.

Die Tür geht auf, ich schließe die Augen. Es sind wieder zwei Schritte. Eine Frau und ein Mann. Man hört es. Es wird wieder passieren. Nur dieses Mal soll ich meinen Peiniger wohl sehen. Ich will ihn nicht sehen. Angestrengt presse ich Augen, Lippen zusammen, den Kopf auf den Boden.

„Da ist sie.“

Eine bekannte Stimme. Eine Frauenstimme. Aber nicht von M.

Ich reiße die Augen auf. Sehe flammend rotes Haar. „N.!“, rufe ich und reiße den Kopf hoch. Doch es klingt eher wie ein krächzen. Mir wird schwindlig. Zu schnell bewegt.

Sie verschwindet wieder. „Ich sehe nach… nicht das M. plötzlich im Raum steht.“

„Mach das.“, sagt eine Männerstimme. Eine wunderschöne, vertraute Männerstimme. Ich möchte mich nach ihr umsehen. Doch ich kann mich kaum bewegen. Es tut alles weh. „Bleib still.“

„R.?“, frage ich.

„Ja.“

Mein Herz macht einen Sprung. Er ist gekommen, um mir zu helfen.

„Es tut mir so Leid.“, sagt er. Er ist gerade dabei meine Fesseln zu lösen, doch scheinbar hat M. ganze Arbeit geleistet. Es dauert seine Zeit. „Was denn?“, frage ich schwach. Ich habe keine Ahnung wovon er überhaupt redet.

„Ich… ich war der Mann…“

Ich schlucke. Sage nichts, bin unfähig.

„Es tut mir Leid… ich wusste nichts davon… sie hat mir anderes erzählt…“ Endlich bekommt er die Fesseln los. Ich bin frei und kann ihn ansehen.

Sein Gesicht zeigt Schmerz. Er wartet darauf, dass ich was sage. Doch ich kann nicht. Noch nicht.

Er reicht mir eine mitgebrachte Flasche Wasser. Still und ohne mich länger als nötig anzusehen. Ich trinke sie fast völlig leer. Dann will ich aufstehen. Stolpere, er fängt mich auf. Will mich loslassen.

„Nein. Bitte hilf mir.“, ich presse mein Gesicht an seine Schulter. Er umarmt mich fest. Ich bin froh, seine Wärme zu spüren und seinen beruhigenden Geruch aufzunehmen.

Wir laufen Richtung Tür. Nur langsam und müßig kommen wir vorwärts. Ich kann nicht richtig laufen. Jeder einzelne Knochen schmerzt. Oder was eben schmerzen kann.

N. kommt herein: „Es wird gleich ungemütlich. Und die Polizei ist noch nicht da.“

Ich klammere mich an R. fest. „Beschütze mich…“, wispere ich ihm zu. Ich fange an zu zittern, bekomme Angst. Ich will sie nicht mehr sehen.  „Egal, was passiert, geh nicht weg von mir, bleib bei mir … pass auf mich auf… Bitte.“

„Was…?“, fragt sie. Ihre Augen wandern zwischen den abgelegten Seilen, N. und mir und R. hin und her. Sie ist geschockt. Das hatte sie offensichtlich nicht erwartet. Ihr Augen sind geweitet.

„Warum hast du das gemacht?“, fragt N. Ihre Stimme ist hoch, viel höher als sonst. Aufregung ist überall zu spüren. Der Raum quillt praktisch über.

„Sie wollte ihn mir wegnehmen… sie musste bestraft werden.“ „Aber warum der Sex?“

„Na das wollte sie doch schon immer. Sie wollte mit ihm ins Bett. Außerdem wollte ich sie gedemütigt sehen.“, sie schaut R. an. „Wie gut, dass du  mir so blind vertraut hast. Im wahrsten Sinne des Wortes.“

Sie wendet sich mit einem Grinsen an mich: „Weißt du, er dachte, er würde mit mir schlafen, sollte nur nichts sehen, weil wir Zuschauer hätten.“

Ich zucke zusammen. Sie kommt näher. Was hat sie vor. In ihrer Hand hält sie ein Rohr. Keine Ahnung wie schwer. Oder wie effektiv. Beim Hereinkommen war es mir nicht aufgefallen.

Aber jetzt kommt sie damit immer näher. Bedrohlich nahe.

R. hält mich fester. Wir stolpern ein paar Schritte rückwärts.

„Lassen sie die Waffe fallen“

Erschrocken dreht sie sich um. Die Polizei. Sie wird nach einer kurzen Rangelei festgenommen und R. zieht mich nach draußen.

Wir treten in die warme Sonne. Ich blicke nach oben. Muss blinzeln und schließe die Augen.

Genieße einfach nur den Moment der Freiheit. Lasse die warmen Sonnenstrahlen auf mein Gesicht scheinen und denke an nichts.

„Warum habt ihr nach mir gesucht? Wie lange hatte sie mich gefangen?“

„Fast zwei Monate. N. war aufgefallen, dass du auf beiden Konzerten nicht da warst…“ Er lacht. Sein wunderschönes, ansteckendes Lachen. „Das passt ja so gar nicht zu dir. Deswegen wollte sie dich suchen. Irgendwie kam sie ziemlich schnell auf M., weil ihre Stimmung auch irgendwie besser war. Sie ist ihr gefolgt und hat mich angerufen. Und den Rest kennst du.“

Ich nicke. „Danke.“

„Glaubst du, wir können uns weiterhin sehen?“, fragt er.

„Ich würde es mir wünschen. Ich liebe dich immer noch.“

Er schaut mich an. Seine blauen Augen sehen mich durchringend und liebevoll an. R. legt die Hände an mein Gesicht und sagt dann leise: „Ich passe auf dich auf, versprochen. Von nun an, wird dir nichts mehr passieren. Ich liebe dich“

 

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