Sonntagsbrei.

Es kommt wieder alles hoch. Mein Selbsthass macht mich kaputt. Letzte Nacht wieder Tabletten geschluckt. Keine Ahnung wie viele. Da kommt es mir eigentlich gerade recht, dass ich Migränikerin bin und immer Schmerztabletten zur Verfügung habe. – Kommt auch nicht komisch, wenn ich ständig neue brauche. Schließlich habe ich bei einem Migräneanfall schon öfter genug davon geschluckt.
Letzte Nacht wieder mit Alkohol. Das befreit. Stärkt die Wirkung. Ich wurde taub. Nichts mehr spüren, nur den Schmerz, den die Klinge auf meiner Haut hinterlassen hat. Es ist egal. Egal, wie viele Narben noch dazu kommen. Ich hab doch eh schon genug davon, eine, zwei, drei,… mehr davon schaden mir jetzt auch nicht. Falls ich jemals ein Happy End bekommen sollte, dann wird es eh darauf hinauslaufen, dass er mich mit den Narben akzeptieren und lieben muss. Die gehen nicht mehr weg. Sie zeigen, wie kaputt ich war. Wie kaputt ich bin.

Ich glaube nicht daran. Es ist so vieles passiert, was mir den Glauben an das Gute genommen hat. Geliebte Menschen sind einfach gegangen. Von einen auf den anderen Tag. Menschen, die mir verdammt viel bedeutet haben, haben sich von mir abgewandt. Ich wollte kalt sein, sie einfach vergessen. Aber ich kann nicht. Sie fehlen mir. Die Gespräche. Das Wissen, dass da irgendwie jemand ist. Alles einfach.
Ich war nie ein Wunschkind. Ich hätte weggemacht werden sollen, aber dafür war es zu spät. Schon als Embryo habe ich das erste Leben zerstört. – Vllt. sogar zwei. Und ich habe nie damit aufgehört Leben zu zerstören. Weil ich nicht genug für irgendjemanden bin. Ich bin eine Last. Allenfalls eine Lebensabschnittsbegleitung. Aber ich möchte mehr. Ich möchte Liebe. Geborgenheit. Schutz.
Wo ist mein Happy End?
Nein, an so etwas kann ich nicht glauben. Es ist alles viel zu schwer.

Es kommt alles wieder hoch. Schon seit einiger Zeit. Ich habe ihn durch Zufall gesehen. Mit seiner Freundin. – M.
Er ist wieder in meinen Gedanken. In meinen Träumen.
Und es tut wieder weh. Die alten Wunden wieder aufgerissen. Ich verstehe immer noch nicht, wieso er das gemacht hat. Mir all diese Sachen gesagt hat, mir versprochen hat da zu sein. Wieso er dann gegangen ist. Zunächst ohne ein Wort, dann nur noch mehr nachgetreten hat. Dabei wollte ich nur eine Erklärung. Und die habe ich immer noch nicht. Ich verstehe es einfach nicht.
Warum sagt man mir solche Dinge und geht dann?
Darf man das mit mir machen?
Bin ich es denn nicht wert, geliebt zu werden?

Ich kann nicht mehr. Ständig denke ich an die paar Wochen zurück. An die Nacht. Daran, wie schön es war. Wie lebendig ich mich gefühlt habe.
Das fehlt mir. Irgendwie.
Ja, ich hätte gern jemanden an meiner Seite. Und manchmal erwische ich mich bei dem Gedanken, dass ich ja etwas mit A. anfangen könnte. Er scheint ja zu wollen. Ich könnte ihn ja einfach dafür benutzen. Wäre ja auch egal, er würde nichts davon merken. Denke ich.
Aber das wäre auch unfair ihm gegenüber, weil er mir äußerlich gar nicht gefällt. Weil ich ihn eigentlich als Freund nicht verlieren will und rein gar nichts, was darüber hinausgeht für ihn empfinde.
Ja, es wäre unfair. Aber dann wäre ich nicht mehr allein.
Und was ist mit E.? Irgendwie fasziniert er mich. Ich kenne ihn zwar nicht richtig, aber er fasziniert mich. Und immer, wenn es nicht klappt, dass wir uns begegnen bin ich traurig. Zwar rede ich mit niemandem darüber, aber es ist so. Ich bin mir nicht mal sicher, ob es nicht reine Nettigkeit ist, dass er mit mir spricht. Aber es ist mir egal, ich finde ihn faszinierend.

R. ist auch noch immer da. Auch nach all der Zeit. Ich werde nie von ihm loskommen.
Und ich kann einfach nicht einschätzen, was es ist, was mich immer wieder zu ihm treibt. Klar, er war der erste, den ich so interessant fand. Aber er ist doch mittlerweile Vater, single und ich weiß, was für ein Arschloch er sein kann.
Dadurch, dass er jetzt Single ist, ist er noch gefährlicher für mich geworden. Meine noch vorhandene Moral hält mich nicht mehr davon ab. All die Dinge zu denken, zu sagen und zu tun.
Was habe ich zuletzt gemacht? Ihm gesagt, dass ich gerne von ihm gefickt werden möchte. Einfach so habe ich ihm das gesagt.
Seitdem frage ich mich noch mehr, was nur bei mir schief gelaufen ist. Nach all dem, was zwischen uns schief gelaufen ist. Aber ich musste ihm das ja auch sagen.

Und warum träume ich so verdammt viel von I.?
Ein Mann, der mehr als unerreichbar für mich ist. Eine andere Liga. Wahrscheinlich sogar vergeben.
Ich weiß, dass es naiv klingt, aber vllt. habe ich mir mit ihm ein Idealbild von einem Mann geschaffen, an das kein anderer rankommt. Was bedeuten würde, dass ich auf ewig Single bleibe, wenn es nicht er ändern wird.
Ja, das klingt schon ziemlich naiv, wenn man bedenkt, wie alt ich doch eigentlich schon bin. Aber das klingt nach kleinem Mädchen, das die Realität nicht einschätzen kann. Aber das kann ich sehr gut. Ich habe eingesehen, dass es nicht mehr als ein Traum sein wird. Und eigentlich dachte ich, dass es okay so ist. Schließlich kann er mir nicht wehtun, wenn er so unerreichbar ist. So weit weg und eine völlig andere Liga, in die ich niemals aufsteigen werde. Aber ich hatte Unrecht.
Denn mit den Munkeleien um diese Beziehung tat er mir weh.
Und das ist schon echt krank. Ich krankes, dummes Ding.

Mein bester Freund. Die Klinge.
Seit ein paar Wochen trage ich wieder eine in meiner Handtasche mit mir herum. Seit ein paar Tagen wieder in meiner Hosentasche. Ich stecke da wieder tiefer drin. Und eigentlich stört es mich nicht einmal.
Das Wissen, dass ich sie dabei habe, das beruhigt mich. Und ich habe keine Scheu sie auch zu benutzen. Scheiß auf den nahenden Sommer. Scheiß auf die Blicke. Mir ist das alles so egal. Ich brauche das.
Sonst fühle ich mich leer. Irgendwie mehr tot als lebendig. Irgendwie verdammt. Nur die Klinge hielt immer zu mir. Seit Jahren schon. Der einzige Freund, der mir immer geblieben ist.
Ich habe mich schon dabei erwischt, wie ich gedankenverloren im Kopf mit ihr geredet habe. Sie angefeuert habe, mir rote Tränen zu entlocken. Tiefer zu gehen und mir zu zeigen, wie schön Schmerz sein kann. Ich habe mich schon dabei erwischt, wie ich in Gedanken über das kalte Metall in meiner Hosentasche gestrichen habe und mir wünschte in diesem Augenblick alleine zu sein, damit ich sie benutzen kann. Denn ich bin alles andere als stark.
Ich bin ein schwaches, dummes, kleines Mädchen. Das einfach nicht mehr ohne das Metall auf ihrer Haut leben kann.
Sie sagten mir, dass ich Hilfe brauche. Wahrscheinlich haben sie auch damit Recht, wie so oft eigentlich. Aber wozu soll ich mir Hilfe suchen, wenn ich doch keine Ahnung habe, was danach ist? Wenn ich keine Ahnung habe, wie es ohne dieses Ventil funktionieren soll? Wohin dann mit all dem Selbsthass? Mit all der Wut? Mit all den Wünschen, die nicht erfüllt werden und für die ich mich dann bestrafen muss?

Alle anderen Freunde haben mich verlassen. Außer K. Und A.
C. scheint mich nicht ernst zu nehmen. Sie wollte wissen, wie es mir geht. Nachdem es eigentlich offensichtlich war, dass es mir eben alles andere als gut geht. Ich dachte, dass es immerhin der Versuch war, mich ernst zu nehmen. Mehr in mir zu sehen, als eine Gossip-Quelle und Fußballgesprächs-Partnerin. Aber Pustekuchen. Nachdem ich ich eigentlich nur gesagt habe, dass alles scheiße wäre. Kam von ihr nichts, als:

„Wird schon wieder.“

Ich fühle mich nicht ernst genommen von ihr. N. ist auch weg. Andere Freunde habe ich nicht.
Außer noch A.
Aber der hegt insgeheim wohl stärkere Gefühle für mich. Deshalb blocke ich ihn ständig ab. Keine Treffen, alles bloß nicht zu eng. Ich will ihn nicht als Freund verlieren. Und dann ist da jetzt auch noch die Stimme, die mir einreden will, es mit ihm zu versuchen. Weil er ja schließlich will und ich dann nicht mehr alleine wäre.
Und K.
Und ihr mag ich eigentlich gar nicht alles erzählen. Sie hat mir schon von ihrer Freundin A. erzählt. Sie schneidet sich auch. Und ich habe dabei den Gesichtsausdruck von K. gesehen. Sie hat wahrscheinlich versucht vor mir zu verstecken, wie es ihr dabei geht, weil sie das immer versucht. Nach außen die Starke sein, die Maske aufsetzen und keine Schwäche zugeben. Ich verstehe das ja, aber ich habe sie da trotzdem durchschaut. Auch sie hat ihr Päckchen zu tragen und vielleicht möchte ich ihr auch deshalb nicht alles sagen. Sie nicht noch weiter belasten.
Nicht auch noch zusätzlich zu ihrer anderen Freundin.
Als sie mir von ihr erzählte, versuchte sie zwar ihr Gesicht halbwegs normal aussehen zu lassen. Eben so, wie sie immer schaut, wenn man mit ihr redet. Aber ihre Augen haben sie verraten.
Sie sah so traurig aus. Auch irgendwie hilflos und verletzlich.
Da möchte ich sie nicht auch noch damit belasten, dass es mir eben auch so schlecht geht. Sie soll sich nicht um noch jemanden Sorgen machen.
Dafür ist sie mir viel zu wichtig. Einer der wichtigsten Menschen überhaupt für mich. Ich liebe sie. Nicht wie eine Freundin, viel eher wie eine Schwester, die ich nie hatte. Sie soll nicht wegen mir leiden.
Deswegen versuche ich auch stark zu sein. Ich will sie nicht alleine lassen. Aber es wird täglich schwerer. Und ich weiß, das sich irgendwann aufgeben werde. Und davor graut es mir. Denn dann kann ich nicht mehr für sie da sein.

Und das tut weh.

Die Angst und der Ekel vor meinem Erzeuger wird immer größer. Seitdem er wieder diesen irren Blick hatte. Der Blick, der mir zeigt, was er wirklich von mir hält. – Nämlich gar nichts.
Das Wesen, das sein Leben zerstört hat. Sonst nichts. Die Schläge. Die Emotionale Kälte. Und der Ekel, von dem ich nicht einmal weiß, wo der herkommt. Sie machen mich fertig. Wie gerne hätte ich wirklich einen Vater.
So, wie es sein sollte.
Aber sowas habe ich nicht. Vielleicht auch gar nicht verdient, weil ich sein Leben zerstört habe. Deswegen muss ich jetzt damit leben, dass er mich anwidert und ich solche Panik vor ihm habe, dass ich nichtmal mit ihm in einem Zimmer sein kann, ohne dass noch jemand dabei ist, oder ich vor Angst den Raum verlassen muss.

Ich erwische mich oft dabei, wie ich zu den Schienen gehen. Wie ich kurz überlege, einfach auf die Straße zu laufen, es könnte wie ein Unfall aussehen.
Mein Abschiedsbrief ist schon längst geschrieben. Liegt bereit. Mit Anweisungen. Mit Erklärungen.
Ich bin bereit.
Nur meine Seele noch nicht ganz. Da ist immer noch dieser kleine Teil, der leben möchte, der sein Happy End finden will. Aber dieser kleine Teil wird immer leiser, schwächer und kleiner. Der größere Teil, der der sterben möchte, übertönt ihn.
Und irgendwann ist auch meine Seele bereit.
Fehlt nur noch ein Wie und Wann.

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3 Antworten zu Sonntagsbrei.

  1. mondpriesterin schreibt:

    ein licht im dunkeln du nicht mehr siehst
    und vllt diese zeilen nicht liest
    doch ich bin immer noch da
    vllt auch nicht mehr so nah
    es wird mich immer geben hier
    und vllt gibt es ja auch mal wieder ein wir
    du fehlst mir auch wenn du es mir nicht glaubst
    ich bin da wenn du mich brauchst

  2. Jemand schreibt:

    In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der »Weltgeschichte«; aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mußten sterben.

  3. Jemand schreibt:

    Nietzsche. Ich bin mir sicher, du verstehst es. Zumindest wirkst du sehr intelligent.

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